280 Zeichen? Sorry, Twitter!

Früher bedeutete Twitter, komplexe Gedankengänge in maximal 140 Zeichen zu packen und verständlich zu beschreiben. Seit zwei Wochen ist alles anders:  280 Zeichen stellt die Plattform neuerdings pro Tweet zur Verfügung. Twitter-Autorin Claudia Vamvas alias @akkordeonistin hat eine klare Meinung dazu.

Ich erinnere mich gut daran, wie ich meine ersten Tweets schrieb. Über die Tastatur meines Smartphones tippte ich meine Einfälle in das leere Feld. Doch mittendrin im Satz wurde mir bereits angezeigt, dass ich Übersatz hatte. Was tun? Abkürzungen zu verwenden, kam für mich ebenso wenig in Frage, wie das Weglassen von Satzzeichen. Das bedeutete: kürzen, umformulieren oder kürzere Synonyme finden. Gelang das nicht, musste ich wohl oder übel auf den Tweet verzichten.

Im Laufe der Jahre habe ich (und unzählige Twitterer auf der ganzen Welt) Übung darin bekommen, mich in der Länge von 140 Zeichen klar und verständlich auszudrücken. Immer seltener wurde es nötig, meine Gedanken anders zu formulieren, und gar nicht mal so selten haben sie sogar auf Anhieb exakt 140 Zeichen. Es scheint, dass ich mir diese Form, die man mir vorgegeben hat, inzwischen verinnerlicht habe.

Nun hat Twitter uns also eine Änderung «geschenkt». Wir dürfen jetzt doppelt so lange Tweets schreiben, wenn wir wollen. Ich will nicht. Für mich macht gerade diese Kürze den Reiz von Twitter aus.  Natürlich mag ich auch Texte, die länger als ein zwei Sätze sind: Artikel, Blogeinträge oder Bücher. Aber mit diesen langen Tweets, die doch nicht reichen, um etwas wirklich zu vertiefen, werde ich mich wohl in diesem (Twitter-)Leben nicht mehr anfreunden. Sorry, Twitter!

Text: Claudia Vamvas

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Sitze im Bus Claudia Vamvas Akkordeonistin

Claudia Vamvas 

Sitze im Bus 

2016

Frohmann Verlag 

Claudia Vamvas fährt fast täglich Bus und beobachtet dabei genau die Menschen um sich herum. Was sie hört und sieht, fasst sie zu winzigen Erzählungen zusammen, die sie mit ihrem Smartphone zu Twitter schickt.

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Auf Twitter unterhält sich Claudia Vamvas als @akkordeonistin täglich mit Menschen, die sie zum grossen Teil noch nie gesehen hat. Warum sie das tut und was es ihr bringt, erzählt sie hier.

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Claudia Vamvas – Sitze im Bus

27. Januar 2017

Eigentlich fährt sie nur Bus. Doch Claudia Vamvas lässt es in ihren pointierten und warmherzigen Beobachtungen mehr nach einer Schicksalsgemeinschaft aussehen, die jeden Tag zur gleichen Zeit in einem Gelenkbus mit Faltenbalg zusammentrifft. Kurz oder auch länger sind sie, einander zwar unbekannt, aber durch das Leben und Menschsein verbunden, Gefährten mit unbestimmtem Ziel.