Im besten Fall macht Stoff besoffen

Wenn die Recherche für ein Buch seine Autorin besoffen macht, hat sie wohl den perfekten Stoff für sich erwischt.

Einen Roman schreibt nur, wen die Muse küsst? Mir gefällt das Bild vom zündenden Funken besser. Den braucht es, um das Feuer zu entfachen, die Hitze. Viel Hitze umnebelt den Geist. Man verfällt in eine Art Trance. Auch die Trance braucht es. Ohne sie gibt es kein Durchhalten. Sie trägt. Sie ist wie Treibstoff. Im besten Fall macht der Stoff, aus dem man Geschichten baut, besoffen.

Während der Arbeit an «Uns Menschen in den Weg gestreut» hat mir ein solcher Gemütszustand geholfen, die unsichtbaren Schranken niederzureissen, die meine unmittelbar erlebte Realität von der Fiktion trennen («Uns Menschen in den Weg gestreut» spielt in den Jahren 1909 bis 1922 und ja, auch wenn der Roman über Kräuterpfarrer Künzle auf wichtigen biografischen Eckdaten aufbaut, war das Fiktionale beim Schreiben immer vorrangig).

 

“Ich habe es mir zum Sport gemacht, die Gegenwart auszublenden und die Welt zu sehen, wie sie vor hundert Jahren war.”

 

Ich habe es mir zum Sport gemacht, die Gegenwart auszublenden und die Welt zu sehen, wie sie vor hundert Jahren war: Überbauungen und Bürokomplexe wegzappen, Autobahnen aus Landschaften schnippen, Flugzeuge vom Himmel pflücken. Verlotternde Ställe riechen wieder nach Tier. Der Staub der Landstrasse schmeckt man auf der Zunge.

Mit gespitzten Ohren sammle ich Geräusche. Höre das stossende Schnauben des Viehs, wenn Künzle nicht nur unzähligen Menschen aus dem In- und Ausland mit Ratschlägen und einfachen Rezepten hilft, sondern sich ins Stroh kniet und ein krankes Kalb pflegt. Glaube im Schlurfen schwer gewordener Schritte das Seufzen über den letzten Kilometer zu hören, diese Schnurgerade entlang der Pappeln in der Ebene, ein nicht enden wollender Kilometer – die Heilpflanzenexkursion hat ausser den rüstigen Pfarrer sämtliche Teilnehmenden sichtlich mitgenommen.

Naturgeräusche, Tiergeräusche, auch Kirchengeräusche. Damit lässt sich ein Text ausstaffieren. Wie klang ein Dorf um 1900? Oder: wie hören sich die Figuren einer Geschichte an? Mehr dazu demnächst.

 

Text: Marianne Künzle
Bild: Unsplash.com

Was macht das Schreiben mit einer Autorin, was erlebt sie, wenn sie gemeinsam mit ihrem Buch unterwegs ist und welche Geschichten stehen ungeschrieben in ihrem Roman? “Uns Menschen in den Weg gestreut” ist der erste Roman der Autorin Marianne Künzle. In ihren Kolumnen auf SalonLit erzählt sie, welche Geschichten rund um ihr Buch passieren.