“Hier steht  sie vor mir.”

Eine reale Person neu als Romanfigur erschaffen – kann das gut gehen? Marianne Künzle wagte dieses Unterfangen und begegnete auf ihrer Lesereise einer Zeitzeugin.

Neulich an einer Lesung. Plötzlich ist er da, der Moment, an dem ich mit meinem Romanhelden konfrontiert werde, der primär jemand ist, der eigentlich gelebt hat. Der war. Dem vor allem viele begegnet sind – im Gegensatz zu mir (mein Romanheld starb 1945, ich wurde 1973 geboren).
Abgemüht habe ich mich, ihm Wesenszüge zu verleihen, die er auch gehabt haben könnte. Aber: vielleicht ist mir dennoch eine unverwechselbare Eigenschaft entgangen, an die sich alle erinnern, die sich an ihn erinnern?

“Sie mustert mich über den Brillenrand. Beginnt zu erzählen.”

Nun denn. Hier steht  sie vor mir. Die alte Frau. Sie mustert mich über den Brillenrand. Beginnt zu erzählen. Ihre Mutter habe seine Hemden gebügelt. Sie war damals zehn. Sie und andere Kinder vom Dorf haben sich mit dem greisen Kräuterpfarrer unter die Wettertanne gesetzt. Seinen Geschichten gelauscht von Kräuterwanderungen und den Kindern, die mit waren, die Kräuter sammelten und dabei ein gutes Sackgeld verdienten.

“Dreck fressen ist gesünder als Ovomaltine!”

Sie schweigt. Sieht ihn wohl vor sich. Lieb sei er gewesen, fährt sie fort. Nach der Prozession, mit den hübschen weisse Kleidern, die sie tragen durften, hat er ihnen eine Bratwurst geschenkt und einen Apfel. Ganz selten hielt er noch Messe. Wenn, dann habe er fast nur gepredigt. Über Gesundheit und Heilpflanzen und plötzlich war fertig. Er schickte sie alle heim, er wäre nun müde, er habe viel geredet. Und manchmal, sie lacht verschmitzt, hat er gesagt: Dreck fressen ist gesünder als Ovomaltine!
Mein Romanheld und der Echte scheinen gewisse Ähnlichkeiten zu haben, stelle ich erleichtert fest.

Text: Marianne Künzle
Bild: Urs Hürzeler

Was macht das Schreiben mit einer Autorin, was erlebt sie, wenn sie gemeinsam mit ihrem Buch unterwegs ist und welche Geschichten stehen ungeschrieben in ihrem Roman? “Uns Menschen in den Weg gestreut” ist der erste Roman der Autorin Marianne Künzle. In ihren Kolumnen auf SalonLit erzählt sie, welche Geschichten rund um ihr Buch passieren.

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Marianna Künzle, Uns Menschen in den Weg gestreut

Marianne Künzle

Uns Menschen in den Weg gestreut

2017
Zytglogge Verlag 

 

Marianne Künzle widmet sich in ihrem ersten Roman den bedeutsamen Jahren von Johann Künzle, dem legendären Kräuterpfarrer (1857-1945). Sie zeichnet ein vielschichtiges Bild des umtriebigen Mannes, der politischen Debatte, die sein Schaffen ausgelöst hat und einer bewegten Epoche.
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www.mariannekuenzle.ch

Ein Buch schreiben ist ein Buch schreiben

Was macht die Arbeit an einem Buch mit einer Autorin? Marianne Künzle lernte während ihrer Recherchen für den Roman “Uns Menschen in den Weg gestreut” viel über Pflanzenheilkunde. Warum der Farn seither eine besondere Rolle in ihrem Leben spielt, erzählt sie in dieser Kolumne.
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Marianne Künzle, Autorin von Uns Menschen in den Weg gestreut

Copyright: Urs Hürzeler / Zytglogge Verlag

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