Die Fiktiven können sture Esel sein

Wie findet eine Autorin heraus, wie ihre Romanfigur klingt? Indem sie der Figur folgt, ihr über die Schultern schaut, ihre Figuren dazu bringt, sich von ihr fassen zu lassen. Gelingt das nicht, geht es zurück auf Feld eins.

Um sie glaubhaft in Aktion treten zu lassen, möchte ich «meine» Romanfiguren nicht nur vor dem inneren Auge sehen, ich möchte sie auch hören. Wie sie sprechen oder lachen oder husten. Wenn die Dame sich erhebt, wie ihr Kleid die Tischkante streift und ein kaum hörbares Schleifen verursacht. Wenn der Junge für den Kräuterpfarrer gegen Sackgeld Wurzeln ausgräbt, wie er die Nase hochzieht. Rotzig, schmutzig. Auch Wurzelgraben ist kein gänzlich stiller Vorgang. Erde, die der Junge aufhäuft, kommt aus dem Dunkeln. Sie fällt dumpf auf die sonnenwarme Wiese. Hell kratzen seine Fingernägel über Steinchen, schaben die Pfahlwurzel frei. Des Buben Atem tönt flach und warm.

Eine historische Figur setzt Leitplanken.

Ich muss den Figuren über die Schulter schauen, ihnen wie ein Schatten folgen können, wenn sie das tun, was ich mir ausdenke, dass sie es tun sollten. Während ich «meine» Figuren grösstenteils formen kann, verhält es sich mit einer historischen Figur anders. So erlebt mit Johann Künzle, dem bekannten, beliebten und beargwöhnten Kräuterpfarrer, dem Protagonisten im Roman «Uns Menschen in den Weg gestreut». Quellen trichterten mir ein, wer er gewesen sein dürfte. Zeitzeugenberichte verherrlichten. Hundertjährige Zeitungsartikel warfen Fragen auf. Noch lebende Augenzeugen erzählten Anekdoten. Wer war er nun gewesen? Zwischen den Zeilen seiner eigenen Publikationen zwinkerte er mir zwischendurch zu, mir schien, ihn jetzt erfassen zu können, seinen Humor, seine Wertvorstellungen – er irritierte mitunter auch mit Aussagen, die ich ihn nicht hatte aussprechen hören wollen. War er so oder so oder doch ganz anders? Eine historische Figur setzt Leitplanken.

Auch die Fiktiven haben ihre Mätzchen.

Aber: auch die Fiktiven haben ihre Mätzchen. Mal angenommen, es ist soweit und ich verfüge über das Personal, um schreiben zu können. Man legt los. Lässt sie in einem Kapitel auftreten. In einem Zimmer, zum Beispiel. Sie tritt ein. Sie steht im Zimmer. Er ist im Zimmer. Und nun? Wie weiter? Manchmal können die Fiktiven sture Esel sein! Bleiben bockig an Ort und Stelle stehen, versteinern, verstummen und halten den Atem an, wollen nicht aussprechen, was ich sie sagen lassen möchte. Setzen keinen Fuss vor den anderen.

Ich dachte, ich kenne sie, verfüge über gut durchdachtes Personal. Nicht immer. In solchen Momenten heisst es: zurück auf Feld eins! Unerlässlich ist dann selbstkritisches Hinterfragen: Was wollte ich ursprünglich mit diesem Kapitel?

Text: Marianne Künzle
Bild: Tim Mossholder on Unsplash

Was macht das Schreiben mit einer Autorin, was erlebt sie, wenn sie gemeinsam mit ihrem Buch unterwegs ist und welche Geschichten stehen ungeschrieben in ihrem Roman? “Uns Menschen in den Weg gestreut” ist der erste Roman der Autorin Marianne Künzle. In ihren Kolumnen auf SalonLit erzählt sie, welche Geschichten rund um ihr Buch passieren.