Literaare und Aprillen – Frühlingshafte Literaturfeste in Thun und Bern

Hochkarätige Programme, Lesungen in Zügen und Taxis, Einblick in die Blindenschrift und eine Hommage an den Schundroman: das Thuner Literaare und das Berner Aprillen laden zu literarischen Neuentdeckungen und Begegnungen mit unbekannten Welten.

Angefangen hat alles 2004, als die damals 23-jährige Germanistik Studentin Tabea Steiner das Projekt Literaare ins Leben gerufen hat. Eine Lesung pro Monat organisierte die gebürtige Thurgauerin in ihrer neuen Wahlheimat Thun gemeinsam mit ein paar Freunden. Im Frühling darauf führten sie dann das erste Literaturfestival durch, das seither am ersten Wochenende im März stattfindet und das Herzstück von Literaare ist. Die Lesungen unter dem Jahr verschwanden dann irgendwann.

Inzwischen gehört das Literaare zu den etablierten Literaturanlässen in der Schweiz. Als festes Zentrum für das Festival hat sich inzwischen die Alte Oele etabliert, das Kleinkunsttheater in der Nähe des Bahnhofs. Hier diskutiert Ko-Organisator Donat Blum im literarischen Salon mit Elsbeth Zweifel und Luise Maier darüber, wie Literatur entsteht, hier finden die allermeisten Lesungen statt, es gibt ein Restaurant, in welchem Crew und Künstlerinnen gemeinsam essen und eine Bar zum verweilen.

 

Literatur auf Rädern – Lesungen im Taxi und im Zug

Für alle Formate und Ideen eignet sich die Alte Oele aber nicht und wenn der Raum zu knapp wird, müssen neue Ideen her. Martina Clavadetscher liest deshalb im Zug von Bern nach Thun “und bringt uns so hoffentlich einige Gäste aus der Hauptstadt mit, die nach der Zugfahrt gleich noch das Festival besuchen”, sagt Steiner. Ob das ankomme, wisse sie auch noch nicht, es sei einfach ein Versuch. Reserviert für die Lesung ist ein Abteil der S4, die am 3. März um 12:42 auf Gleis 5 im Berner Hauptbahnhof losfährt, mitfahren und zuhören darf, wer eine gültige Fahrkarte besitzt.

2018 wird auch erstmals in Taxis gelesen. Nach einem kurzen öffentlichen Auftritt am Taxistand vor dem Festivalzentrum steigt der Autor oder die Autorin ins Taxi ein, auf dem Rücksitz finden jeweils drei Gäste Platz. Jungautoren seien es, die in den Taxis lesen, mehr verrät Tabea Steiner noch nicht und auch die Tickets können nicht im Voraus gebucht werden.

Inspiration für die Taxi-Lesungen holten sich die Macherinnen und Macher bei der Hildesheimer Prosanova, dieses Jahr geht es auch an die Leipziger Buchmesse, in Solothurn trifft das Team während der Literaturtage auch immer wieder aufeinander. “Es gibt aber keinen Plan, wer welche Veranstaltung besuchen soll, wir gehen da hin, wo es gerade passt” sagt Steiner. “Literaare ist ein Projekt, das ursprünglich ein paar Freunde gemeinsam auf die Beine gestellt haben und das gemeinsam mit den Freundschaften wachsen und auch professioneller werden konnte.” Entsprechend konstant ist denn auch das Team. Zwei Wechsel in der Programmkommission gab es zwar im letzten Jahr, ansonsten seien eigentlich immer noch die gleichen Leute wie am Anfang im OK.

 

 

Der grosse Gestaltungsspielraum und die gemeinsame Freundschaft sind es denn wohl auch, was das Festival in den letzten Jahren konstant hat wachsen lassen. So ist im Herbst 2017 die literarische Herbstlese dazugekommen, seit einigen Jahren werden einzelne Lesungen in Gebärdensprache übersetzt, seit 2016 führt Literaare gemeinsam mit dem Literaturmagazin das Narr einen Schreibwettbewerb für unveröffentlichte Texte durch und 2018 wird das Bühnenbild während des Festivals vom Bildenden Künstler Hanswalter Graf konstant verändert. Doch: Honorare für Programmkommission und Geschäftsleitung sind zwar budgetiert, unter dem Strich auszahlen können sie sich selber aber nur knapp zehn Prozent davon.

 

Von Literaare im März nach Bern zu Aprillen

Trotz aller Experimentierfreude, in Thun finden laut Steiner eher die klassischen Wasserglaslesungen statt. Performativer gehe es dann jeweils im April in Bern zu. Aprillen, das Literaturfest, das seit 2014 im alten Schlachthaus stattfindet, ist das zweite Festival, das Tabea Steiner organisiert. Parallelen zwischen den beiden Festivals finden sich denn auch ein paar. Neben der Nähe zur Aare und den klingenden Namen, wird bei beiden Anlässen das Thema soziale Inklusion gross geschrieben. Während beim Literaare der Fokus auf Gehörlosigkeit liegt, versucht Aprillen das Publikum für Sehbehinderte zu sensibilisieren. In Lesesesseln kann man Bücher in Brailleschrift ertasten oder sich das Hörbuch vorlesen lassen. Daneben liegt die herkömmlich gedruckte Ausgabe.

Lyrik, Philosphie und spätnachts jeweils eine Latenight-Lesung sind die Schwerpunkte bei Aprillen. Als besondere Zugabe geht es 2018 um Schund: 13 Groschenheftchen erscheinen diesen Frühling im Bieler Verlag die Brotsuppe. Entsprechend dreht sich im Rahmenprogramm, welches im Theaterladen stattfindet, alles um grosse Action, Spannung, Liebe, Mythos, Erotik, Abenteuer und Heldentum. Parallelen im Programm versucht Steiner zwar nach Möglichkeit zu verhindern, doch trotz unterschiedlichen Programmkommissionen lassen sich Überschneidungen nicht ganz vermeiden. Beabsichtigte Gemeinsamkeiten gibt es trotzdem: Der Fokus der Programmgestaltung liegt nicht auf Autorinnen und Autoren, die mit Neuerscheinungen am Start sind und bei beiden Festivals ist es wichtig, neben grossen Namen auch dem lokalen Literaturschaffen und jungen, noch nicht bekannten Schriftstellern eine Bühne zu bieten.

 

Gleichwertige Arbeit, unterschiedliche Entlöhnung

Unterschiedlich sieht es jedoch mit der Finanzierung der beiden Veranstaltungen aus. Während Steiner und ihr Literaare-Team  fast unentgeltlich arbeiten, handelt es sich bei Aprillen um ein Festival, dass sie und ihre beiden Ko-Organisatoren mit fester Bezahlung als Kooperationspartner des Schlachthaus Theaters an der Berner Rathausgasse durchführen. Mit der Idee und dem Auftrage für das Festival seien denn Schlachthaus-Leute auf sie zugekommen, sagt Steiner. In der Gestaltung seien sie aber trotz Auftaggebern komplett frei.

“Vielleicht ziehen wir in Bern im Vergleich zu Thun ein etwas jüngeres Publikum an”, so die Organisatorin. Doch auch in Thun habe sich das Publikumssegment während der letzten Jahre zunehmend verjüngt. “Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass Literatur ihr staubiges Image etwas verliert.”

 

Text: Monika Schubarth